TU Ilmenau

Ein ungewöhnlicher Blickwinkel

Er hat in Physik promoviert, wurde in Elektrotechnik habilitiert und arbeitet jetzt an der Fakultät für Maschinenbau der TU Ilmenau: Professor Stefan Sinzinger mag damit ein Exot sein, doch mit seinem Verständnis für alle drei Fachrichtungen gelingt es ihm immer wieder, angehende Ingenieure für die Optik zu begeistern.

Professor Sinzinger, Sie haben Physik in Nürnberg-Erlangen studiert. Wie kamen Sie selbst zur Optik?

Wir hatten mit Adolf Lohmann einen renommierten Professor, der das Thema interessant präsentiert hat. Er hat immer gesagt, „Optik macht Spaß“. Ich fand es tatsächlich sehr reizvoll, dass ich mir die vielen komplexen mathematischen Zusammenhänge direkt im Labor anschauen konnte – im Gegensatz zu vielen anderen, für mich eher trockenen Themen der Physik. Mit der Diplomarbeit schloss ich mich somit dem Institut für angewandte Optik an, an dem ich auch promovierte.

Sie wurden an der Fernuniversität Hagen habilitiert. Kommen die dortigen Absolventen in der Industrie gut an?

Ich wechselte zur Elektrotechnik, und die ist eher ein Exot in Hagen. Wir hatten wenige Studierende, die das Studium bis zum Diplomabschluss durchzogen. Gerade in technischen Bereichen nutzen viele die Fernuniversität eher als Vorbereitung für ein Präsenzstudium, daher wechseln sie nach dem Vordiplom an eine andere Universität. Diejenigen allerdings, die bis zum Diplom geblieben sind, kamen sehr gut in der Industrie an. Man muss bedenken, dass sie das Studium neben ihrem Beruf absolvierten – das spricht für großes Engagement. Heute agiert die FernUniversität gerade auch im Bereich Photonik sehr erfolgreich bei der Masterausbildung.

Und wie steht es um die Karrierechancen Ihrer heutigen Absolventen an der TU Ilmenau?

Sie sind sehr gefragt! Das liegt sicher auch an unserem spezifisch ingenieurstechnischen Blickwinkel und unserer engen Verbindung mit der Feinwerktechnik. Die Kombination ist in der Industrie gern gesehen. Unsere Absolventen arbeiten deshalb in ganz unterschiedlichen Branchen, sei es bei Jenoptik, Carl Zeiss, ASML oder Bosch und den zahlreichen KMUs („hidden Champions“) in der Region oder deutschlandweit, die sehr erfolgreich im Bereich der Optischen Technologien auf dem Weltmarkt agieren.

Wie kam diese Ausrichtung in Ihrem Fachbereich zustande?

Die Optik ist hier aus der Feinwerktechnik heraus entstanden. Und die Fakultät für Maschinenbau wurde in den 1950er nicht zuletzt auch auf Initiative des Unternehmens Carl Zeiss gegründet. Die Industrie brauchte damals wie heute dringend ingenieurtechnisch ausgebildete Feinwerktechniker und Optiker. Heute sind wir neben dem Institut für Technische Optik der Universität Stuttgart das einzige universitäre Fachgebiet für „Technische Optik“ in Deutschland an einer Fakultät für Maschinenbau – auch das erhöht die Karrierechancen unserer Absolventen.

Was ist der Vorteil dieser Kombination?

Wir pflegen sehr stark die Verbindung zwischen den physikalischen und ingenieurwissenschaftlichen Aspekten der Optik. In der Physik geht es um das Verstehen eines Effekts, wir aber entwickeln Systeme bis zur praktischen Anwendung weiter, so wie es typisch für die Ingenieurwissenschaften ist. Dazu gehört dann das Verständnis des Optischen Systems, der optischen Bauelemente, aber eben auch der feinwerktechnischen und mechanischen Justage und Aufbaukomponenten sowie der Messtechnik zur Charakterisierung; die Industriekontakte sind deshalb hier auch enger als an vielen Physikinstituten.

Woran forschen Sie derzeit?

Wir arbeiten an vielen Anwendungen, die Optik und Mikrosystemtechnik verknüpfen, etwa in dem Bereich Life Science oder in der Umwelttechnik. Wir entwickeln beispielsweise Sensoren für die Qualitätsüberwachung von Hydraulikölen in Industrieanlagen. Ein anderes wichtiges Standbein – auch in Lehre und Ausbildung – ist das klassische Optik-Design. An Universitäten ist das Thema unpopulär, weil es wenig Forschungsgelder einbringt. Die Industrie hat deshalb gerade hier Nachwuchsprobleme. Ein dritter Forschungsschwerpunkt ist die Nanopositionierung, d.h. die Manipulation von Mikro-Nanopartikeln mit Licht.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Es handelt sich um eine Art optische Pinzette. Wir können mit Licht winzige Partikel greifen und positionieren. Das Interessante ist, dass wir diese dann auch wieder leicht loslassen können. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen mit ihrem Finger ein Salzkorn auf – das geht relativ leicht, aber wegen der großen Oberflächenspannung können Sie es nicht ablegen, ohne es z.B. mechanisch vom Finger abzustreifen. Mit Licht kann man kontaktfrei Partikel aufnehmen, präzise positionieren und dann wieder loslassen. Wir arbeiten daran, diese Technik effizient in Nanopositioniermaschine zu integieren, die hier an der TU Ilmenau in einem Sonderforschungsbereich der DFG erforscht werden. Damit lassen sich Nanostrukturen zusammensetzen, etwa winzige Zahnräder für komplexe Miniaturmaschinen. Trotz der spannenden Forschungsfelder und guten Karrieremöglichkeiten mangelt es der Photonik an Fachkräften.

Merken Sie das bei den Studierenden? Ist das Interesse gering?

Die klassische Optik hat bei uns einen schwierigen Stand, denn die Leute fangen mit Maschinenbau an und denken nicht unbedingt an Optik als Schwerpunkt. Wir wussten, dass wir die Studierenden abholen mussten: Wir haben verschiedene Initiativen lanciert – Projektarbeiten, Hilfskraftstellen oder eine Hochschulgruppe (Student Chaper) der renommierten Optical Society of America, die 2011 gegründet wurde. Es hat funktioniert: Wenn Studierende sich mit Optik beschäftigen, finden sie es oft so interessant, dass sie bleiben. Inzwischen haben wir gute Zahlen.


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